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Vorträge: mit Prezi oder PowerPoint? Back to the roots.

Nasreddin Hodscha galt als gebildeter Mann, denn er hatte die besten Schulen der Stadt besucht. Einmal suchte ihn ein armer Bauer auf, der weder lesen noch schreiben konnte, und bat ihn, einen Brief für ihn zu schreiben.
“Wohin willst du den Brief denn schicken?” fragte Nasreddin Hodscha.
“Nach Bagdad”, erwiderte der Bauer.
“Da kann ich doch nicht hingehen!” erwiderte der Hodscha.
Verwundert sagte der Bauer: “Aber du musst doch gar nicht hingehen, ich möchte nur den Brief hinschicken.”
Da erklärte ihm der Hodscha: “Verstehst du denn nicht? Niemand kann meine Handschrift lesen. Darum müsste ich selbst hingehen, um den Leuten den Brief vorzulesen.”

aus: http://www.kandil.de/nasreddin/comments.php?id=-unleserliche-handschrift_0_5_0_C
Bildquelle: http://www.flickr.com/photos/24029425@N06/2402576001

Damals wie heute sind also Präsentationen stark nachgefragt. Ob aus Gründen der unleserlichen Handschrift, oder um dem Publikum eine Vorführung zu ermöglichen, Gründe für Vorträge gibt es zuhauf. Dabei wird heutzutage immer wieder gerne auf technische Hilfsmittel zur Vortrags-Unterstützung gesetzt, frei nach dem Motto: the show must go on!

Mittlerweile ist eine Präsentation vor einer illustren Runde nach den früheren Unarten eines „Ablesens von Vorträgen“ wieder verstärkt eine orale Kulturtechnik geworden und daher ist es angebracht, ein wenig auszuholen und sich mit althergebrachten Vortrags-Kulturen zu beschäftigen, bevor man den Bogen spannt und sich der heutigen (digitalen) Zeit widmet. Wie konnte man eigentlich Vorträge halten ohne technische Unterstützung? Wie wurde ein Thema fesselnd präsentiert? Was können wir davon lernen?

Prezi oder PowerPoint, das ist hier die Frage, um die es sich später dreht. Es geht um den Vergleich zweier digitaler Präsentations-Tools, die beide ähnlich erscheinen, aber unter ihrer Oberfläche doch ganz unterschiedlich sind.

Doch kommen wir zu erst zu Homer, nein nicht Simpson, sondern dem aus einer vorplatonischen Zeit, also noch bevor die Schrift ihren Siegeszug antrat.

Bei Homer war Diktion und Syntax stark rhythmisiert, also dem Ohr angepasst  und Informationen wurden in allgemeine Wendungen gekleidet (wir würden heute Klischees sagen) damit man sie sich leichter merken kann. Wissen wurde in eine Art Dichtkunst eingebettet. Eine hoch spezialisierte Klasse von Gelehrten bildete die fleischgewordene intellektuelle Technologie der Informationsspeicherung, Wiedergabe und Vermittlung. Wir würden heute Medium sagen. Alles, was man heute in einem Unternehmen dokumentiert (Protokolle, Entscheidungen, Arbeitsanweisungen) müßte laut Havelock damals: „in formelhafte Lyrik umgesetzt werden, …. und durch lauten Gesang oder Sprechgesang (sic!)“ verbreitet werden.

Ehrlich gesagt stelle ich es mir sehr amüsant vor und ich bin mir sicher, dass ich mir eine Arbeitsanweisung durchaus gut merken könnte, wenn sie mir in der heutigen Form des Sprechgesangs vorgetragen werden würde.

Walter Ong schreibt in seinem meisterhaften Werk „Oralität und Literalität“ zur oralen Kultur: „Wissen ist, woran man sich erinnern kann, und woran man sich erinnert, ist darauf beschränkt, was man sich merken kann.“ 

Der Begriff, welcher die Informationsspeicherung des Vortragenden umschreibt, wird Mnemotechnik genannt:

Die Mnemotechnik entwickelt Merkhilfen (Eselsbrücken), zum Beispiel als Merksatz, Reim, Schema oder Grafik. Neben kleinen Merkhilfen gehören zu den Mnemotechniken aber auch komplexe Systeme, mit deren Hilfe man sich an ganze Bücher, Listen mit Tausenden von Wörtern oder tausendstellige Zahlen sicher erinnern kann.

Der römische Politiker, Redner und Philosoph Cicero beschrieb das Prinzip der Mnemotechnik so:

„Wer diese Fähigkeit (des Gedächtnisses) trainieren will, muss deshalb bestimmte Orte auswählen und von den Dingen, die er im Gedächtnis behalten will, geistige Bilder herstellen und sie an die bewussten Orte heften. So wird die Reihenfolge dieser Orte die Anordnung des Stoffs bewahren, das Bild der Dinge aber die Dinge selbst bezeichnen, und wir können die Orte anstelle der Wachstafel, die Bilder statt der Buchstaben benützen.“

Quelle: http://www.planet-wissen.de/alltag_gesundheit/lernen/gedaechtnis/mnemotechnik.jsp

Um diese Technik zu beherrschen, wird nur sehr wenig Aufwand benötigt. Viele römische Redner bereiteten sich mit diesen Regeln (heute sagen wir auch Loci-Methode dazu) auf ihre freien Vorträge vor. Hatten sie sich erst einmal eine Reihe von Orten eingeprägt, begannen sie sich ein geräumiges Gebäude vorzustellen: seinen Vorhof, den Wohnraum, die Schlafgemächer und die Empfangsräume. Auch Statuen und Raumschmuck konnten mit einbezogen werden. Auf jeden Fall mussten es markante Stellen sein, die eine natürliche Reihenfolge bildeten. Anschließend kann man auf die geistig vorbereiteten Plätze das zu Merkende in Form lebendiger Bilder ablegen. 

Übrigens: Man kann den Weg oder das Zimmer immer wieder benutzen, quasi neu „beschreiben“, wenn das alte Wissen vergessen wurde. Ohne Wiederholung werden die Bilder im Kopf immer schwammiger, bis sie irgendwann ganz vergessen werden. Aber dazu dann am Ende mehr. Doch nun springen wir in die Neuzeit. Hier noch einmal ein kleines Fazit:

  1. Ein Vortrag hat zum Ziel, maximale Informationen und Emotionen auszulösen, damit der Vortrag im wahrsten Sinne im Gedächtnis bleibt. Das Mittel dafür sind bildhafte Sprache und eine einprägsame Artikulation
  2. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich die Inhalte eines Vortrags als Vortragender zu memorieren. Entweder nutzt man eine Mnemotechnik, oder man greift zu technischer Unterstützung, wie zum Beispiel Notizzetteln, Tafeln mit Kreide, Flipcharts, Overheadprojektoren (bzw. Polylux) oder wie die meisten in der letzten Dekade zu PowerPoint mit Beamer.

Wenn man sich diesen zweiten Punkt genau anschaut, bemerkt man, dass die früher genutzten „Notizen“ im Laufe der Zeit immer publikumswirksamer und öffentlicher wurden. Es gibt eine deutliche Entwicklung von einem privaten/individuellen Notizzettel, welchen das Publikum nicht einsieht, hin zu einer PowerPoint-Präsentation, welche für das Publikum voll einsehbar ist.
Die (ehemaligen) Notizen wurden dadurch Bestandteil der Präsentation. Während früher die Artikulation des Vortragenden die Aufmerksamkeit steuerte, hat nun sozusagen ein visueller Konkurrent zum Vortragenden die Bühne betreten. Und genau dies ist das Problem. Denn: Informationen in einem Mix aus akustischer und visueller, im schlimmsten Fall sogar noch bewegter Form zu vermitteln, ist völlig kontraproduktiv. John Sweller machte eine Studie (2004) zu PowerPoint und concludierte:

„Die Nutzung von Powerpoint-Präsentationen war ein Desaster. Es sollte verboten werden.“

Verstanden und erinnert werden Informationen besser, wenn man sie entweder akustisch oder visuell übermittele. Jeder Mix gehe auf Kosten der eigentlichen Informationsvermittlung, denn mächtiger als der Vortrag wirkt stets das Bild: Dem ist aber allzu oft herzlich wenig zu entnehmen.

Das ist nicht Schlimmes, zeigt aber, dass auch der multimediale PowerPoint-Vortrag vielleicht nicht das beste aller Mittel ist, seine Infos an den Mann zu bringen. Im Klartext: Wenn das Ding gut aussieht, kann man jeden Bockmist dazu erzählen, und niemand bemerkt es. Zyniker glauben, genau dafür sei Powerpoint ja auch da. Präsentationssoftware sei ein Chef-Beeindruckungswerkzeug.

Eine Ausgabe des Fachmagazins „International Journal of Innovation and Learning“ 2009 veröffentlichte Studie behauptet, dass man nicht nur nichts lerne, wenn man derart bepowerpointet wird. Die Zuhörer würden vor allem dann, wenn dynamische, bewegliche Elemente ins Spiel kämen, sogar zusätzlich verwirrt. Die Zuhörer brauchen jedes Mal ca. 30 Sekunden, um das Blatt durchzulesen, dies ist Zeit, in der sie nicht zuhören. So ließe sich der Kenntnisstand eines uninformierten Publikums besser erhöhen, wenn man auf Animationen verzichte.

Wenn Bild und Text parallel laufen, dominiert das Bild und der Text verhallt und wird vergessen.

Deshalb sind Zeitungen, Magazine, Online-Seiten und Bücher gute Informationsmedien und das Fernsehen ein gutes Unterhaltungsmedium: Was etwa die Abendnachrichten an Informationen übermitteln, wird zum größten Teil bereits vergessen, bevor der Wetterbericht beginnt, wie schon eine Studie von Bernward Wember 1976 („Wie informiert das Fernsehen“) klar stellte.

Man muss daher zwischen Unterhaltung und Information trennen.

Womit deutlich wird, dass PowerPoint bisher im Prinzip eher falsch eingesetzt wurde. Es wird als Informationsmedium gedacht, aber eigentlich haben wir doch immer geahnt: es ist ein Unterhaltungsmedium. Das erinnert ein wenig an die diese Geschichte mit den Elefanten und den Alpen. Ja klar, man kann Elefanten für die Überquerung benutzen, aber es gibt einfach bessere Möglichkeiten…

Und wenn man sich dies eingesteht, dann braucht man sich auch nichts vormachen hinsichtlich der Informationen (auf den Folien).

„Die Öknonomie der Buchstaben“, so Wolf, reduzierte die „Zeit und Aufmerksamkeit, die für ein rasches Verständnis der Symbole notwendig waren und erforderte daher ein geringeres Wahrnehmungs- und Erinnernungsvermögen. Die jüngere Gehirnforschung zeigt, das die Hirntätigkeit deim Lesen phonetischer Buchstaben bedeutend geringer ist als bei der Interpretation von Logogrammen oder anderen Bildsymbolen“

in Maryanne Wolf: Das lesende Gehirn, S.61

Daraus kann man schliessen, dass bei einer Präsentation, welche informieren soll, auf visuelle „Spielereien“ so weit wie möglich verzichtet werden sollte, wenn man Informationen kommunizieren möchte.
Ich werfe hierzu nur kurz die mittlerweile verpönten blinkenden animierten Gifs in den Raum. Und einen Link auf meinen früheren Beitrag.

Kaschiert wird die Erkenntnis von „PowerPoint als Unterhaltungsmedium“ durch einen aus dem Design bekannter Begriff, dem „Skeueomorphismus„. Dazu zitiere ich kurz Wikipedia:

Im Software-Design soll der Skeuomorphismus helfen, durch eine möglichst realistische Darstellung des ursprünglichen realen Gerätes eine Vertrautheit zu schaffen, die eine möglichst intuitive Handhabung der Software ermöglicht. Dadurch erhält der Skeuomorphimus fast eine didaktische Funktion. Beispiele hierfür sind die Nachahmung eines Notizblockes samt virtueller Spiralbindung in Notizbuchanwendungen, das Verbiegen des Blattes beim Umblättern bei vielen E-Book-Readern oder die Anordnung der Regler, Kanalzüge oder Tasten von MischpultenTaschenrechnern u.v.m.

Es gilt wie so oft bei einem Medienwandel: zuerst werden analoge Medien im Digitalen abgebildet, um dann irgendwann durch neue Formen ersetzt zu werden.

Bei PowerPoint wurde und wird in diesem Fall eine Blattmetapher imitiert. Jede Folie stellt erstmal ein Blatt dar und durch „blättern“ wechselt man die Folien. Es wird der Eindruck erweckt, dass man analoges Papier nun digital aufgehübscht und zugänglich gemacht hat.  Genutzt wird es als öffentliche Vortrags-Notiz für die Zuhörer und als roter Faden für den Vortragenden. PowerPoint ist wie ein Dia-Vortrag. Daran sind die „analogen Menschen“ gewöhnt.

Das ganze sieht dann oftmals (typischerweise) so aus:

Prezi dagegen ist ein zoomender Film, welcher eine Geschichte erzählt. Prezi folgt nicht dem klassischen Präsentationsansatz der Diashow, sondern setzt auf eine Art virtuellen Rundgang durch eine Mindmap. Statt Folien gibt es eine unbegrenzt große Leinwand, auf der sich (digitale) Elemente frei verteilen lassen.

„Diese Auffassung von der Präsentation als unbegrenzte Ideensammlung ist das wirklich Neue an Prezi“, sagt Dorothee Wiegand in der Computerzeitschrift „c’t“. (Link)

Der Verlauf der fertigen Präsentation lässt sich mit einer Pfad-Funktion vorbestimmen. Das Ergebnis erinnert an eine Filmvorführung (animierte Mindmap): Wie bei einer Kamerafahrt schwenkt das Programm von Aspekt zu Aspekt und zoomt je nach Bedeutung der einzelnen Punkte stärker herein oder heraus. Der Nutzer kann Fotos, Texte oder Videos auf die Präsentationsfläche ziehen. Die Elemente lassen sich drehen, verschieben und in der Größe verändern.

Das sieht dann zum Beispiel so aus:

Das Ziel teilen sich PowerPoint und Prezi, nämlich Informationen und/oder Argumente einem Publikum zu präsentieren bzw. den Vortragenden dabei zu unterstützen. Insofern kommt man am Ende bei beiden zu einer linearen Präsentationsweise, aus der man bei Prezi aber besser ausbrechen kann (zoom out), wenn Details oder Überblick erforderlich sind – so diese bei der Erstellung berücksichtigt worden sind.

Aber was deutlich wird: das Medium hat Einfluss auf die Botschaft. Schon Nietzsche meinte: „sie haben recht, unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“ (siehe Link)
Für Marshall McLuhan war gar das Medium die Botschaft.

Dass dem so ist, also dass die Wahl der unterstützenden Software eines Vortrages durchaus von Relevanz ist, sowie dass es einen bedeutenden Unterschied von der „Dia-ähnlichen-Software“ PowerPoint und der „Mindmap-Software“ Prezi gibt verdeutlicht das folgende Zitat:

Bei Programmen à la Powerpoint könne man sich an den Folien entlanghangeln, sagt Philipp von Hammerstein. Bei Zooming Presentations müsse der Vortrag freier und flexibler gestaltet werden. „Der Redner muss sich in seinem Thema aber sehr gut auskennen.“ Wer beim Vortragen schüchtern sei, für den sei ein Programm wie Prezi keine ideale Wahl, sagt der 20 Jahre alte Student.

Um es auf den Punkt zu bringen: Prezi verhehlt den unterhaltenden Charakter eines Vortrags nicht. Wer einen Vortrag mit Prezi macht, wird akzeptieren, dass „zu übermittelnde“ Informationen zweitrangig sind.

Der Benutzer von PowerPoint der letzten Dekade dagegen versucht Entertainment zu eliminieren, obwohl man eigentlich mitbekommen hat, dass diese Vortragsform zu Tiefschlaf bei dem Publikum führt.

Durch Hybrid-Entwicklungen wie Pecha Kucha wird sich aber der Trend zu unterhaltsamen Vorträgen auch mit dem Medium (Werkzeug) PowerPoint durchsetzen.

Fazit:
Während früher der menschliche Übermittler eines Vortrages in Platonischer Zeit sozusagen das „Medium“ war, ist heutzutage ein Vortragender eher ein „Kommentator“ eines Unterhaltungs-Mediums.
Welche Gedanken sollte man sich machen, um einen Vortrag zu gestalten?
  • sich Gedanken darüber machen, was die Zuhörer interessiert, begeistert, aktiviert. Muss sich der Zuhörer die Dinge merken?
  • Überlegen, ob Information oder Entertainment im Vordergrund steht.
  • Dann erst überlegen, mit welchem Werkzeug dies umgesetzt werden sollte.
  • Bei Informationen so minimalistisch wie möglich, bei Entertainment so bombastisch wie möglich denken.
  • Nicht sprechen, wenn etwas vorgeführt wird. Multitasking ist ein Irrglaube.

Der Sage nach ist Simonides auf die Idee für die Loci-Methode gekommen, als er bei einer Feier des Skopas dessen Haus kurzzeitig verließ und während seiner Abwesenheit das Haus einstürzte. Niemand überlebte, eine Zuordnung der zermalmten Körper war äußerlich nicht mehr möglich. Simonides musste, als einziger Überlebender, die unkenntlich Gemachten identifizieren. Dabei visualisierte er die Szenerie vor dem Einsturz, um sich den jeweiligen Aufenthalt der Personen zu vergegenwärtigen, und erkannte an seinem Erfolg, dass es dem Mensch leicht fällt, in eine räumliche Verknüpfung eingefügte Informationen geordnet wiederzugeben.

 

Quellen und weitergehende Infos:

 

 

aufmerksamkeitdigitalnarrationtool

Michael Ginolas • 29. Mai 2013


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Comments

  1. Virtual server 2. Oktober 2016 - 22:21 Reply

    Sie haben schon ofter mal etwas von Prezi gehort oder schon Prasentationen mit dem innovationen Tool gesehen?

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