digitalwandler

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Mein Gehirn braucht auch mal eine Belohnung: „Offtime“

 Wer überall ist, ist nirgends;
sagte einmal Seneca

 

Statista ist schuld.
Da bin ich neulich über folgende folgenschwere Statistik gestolpert:

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Wenn man sich die tägliche Nutzungsdauer der verschiedenen Medienformen ansieht, so stellt der Digitalwandler fest, dass es starke Veränderungen zwischen „Bildschirmmedien“ und „analog-haptischen Medien“ gibt.

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„Verlierer“ der Entwicklung sind also ganz klar das Buch und die Zeitung. Das Konsumieren von gedruckten beziehungsweise linearen Medien, die eine gewisse Portion von Ruhe und Konzentration bedürfen, nehmen ab und sind heutzutage anscheinend eher das Privileg der älteren Generation. Mittlerweile stehen Druckerzeugnisse an letzter Stelle bei der Nutzung persönlicher Medien. Der „Durchschnitts-Jugendliche“ liest derzeit noch 42 Minuten pro Woche. Der Konsum von Worten pro Tag hat zwar zugenommen, aber diese Worte stehen nicht mehr auf Papier.

Einer Studie der Ball State University aus dem Jahre 2009 zufolge verbringen die Amerikaner 8,5 Stunden täglich damit, auf einen Computer, TV-Monitor oder ihr Smartphone zu schauen. Regelmäßig werden mehrere Geräte gleichzeitig benutzt.

Der Wechsel von Papier zu Bildschirmen hat allerdings großen Einfluss darauf, wie aufmerksam und intensiv wir uns mit dem Inhalt beschäftigen. Lesen auf Papier ist multisensorisch. Es besitzt nicht nur visuelle, sondern auch taktile Aspekte. Oft nicht wahrgenommen wird die Verbindung zwischen der sensorisch-motorischen Erfahrung und der kognitiven Verarbeitung des Textinhalts beim Lesen gedruckter Werke. Eine Tastatur verleitet dagegen dazu, mehr mitzuschreiben und weniger nachzudenken. Und darunter leidet nicht nur das Verständnis – sondern auch das Gedächtnis. Dazu muss ich kurz ausholen – mit einem kleinen Exkurs über das Gehirn:

Kurzzeiterinnerungen stärken oder schwächen bestehende Verbindungen, Langzeiterinnerungen dagegen erfordern anatomische Veränderungen. Durch einen komplexen chemischen Vorgang wird die Synapse in die Lage versetzt, Erinnerungen über mehrere Tage oder Jahre hinweg zu behalten. Das Wachstum und die Aufrechterhaltung neuer synaptischer Anschlussstellen bewirken, dass eine Erinnerung im Gedächtnis bleibt. Wenn Sie sich also später an irgendetwas aus diesem Digitalwandler-Essay erinnern sollten, so wird es daran liegen, dass dieser Beitrag etwas in ihrem Gehirn verändert hat. 🙂

Langzeiterinnerungen werden durch einen Vorgang zwischen der Hirnrinde („Langzeit“) und dem Hippocampus („Kurzzeit“) konsolidiert. Der „synaptisch flexible“ Hippocampus ist, wenn man so will, der Speicherplatz für neue Erinnerungen, welche dann in einem langen Prozess in die „statische“ Hirnrinde übertragen werden. Dieser so genannte Signalisierungsprozess kann mehrere Wochen dauern. Sobald eine Erinnerung in der Hirnrinde verfestigt ist, wird sie, etwas salopp formuliert, im Hippocampus gelöscht. Viele Verbindungen werden im Schlaf gebildet, wenn unser Gehirn von seinen kognitiven Pflichten entbunden ist. Wenn unser Schlaf leidet, das haben Studien ergeben, dann leidet auch unser Gedächtnis.

Bestimmte Erinnerungen zu speichern und Verbindungen zwischen Ihnen herzustellen erfordert eine starke geistige Konzentration, die durch Wiederholung oder intensive intellektuell-emotionale Hingabe unterstützt werden kann. Damit die Erinnerung bestehen bleibt, muss die eingehenden Information gründlich und umfassend verarbeitet werden. Dies wird erreicht, indem man der Information erhöhte Aufmerksamkeit schenkt und sie inhaltlich und systematisch mit Wissen verbindet, das in unserem Gedächtnis bereits gut gefestigt ist.

„Lernen besteht darin, verschiedene elementare Formen synaptischer Plastizität zu neuen und komplexen Formen zu kombinieren, etwa so, wie wir mit Hilfe eines Alphabets Wörter bilden.“
[Eric Kandel, Godfather of Gehirnforschung]

Dabei werden die Erinnerungen übrigens in ganzen Netzwerken gespeichert, nicht nur in speziellen Zentren. Wenn es uns also nicht gelingt, den Informationen in unserem Arbeitsgedächtnis Aufmerksamkeit zu schenken, bleiben diese nur wenige Sekunden lang bestehen und gehen verloren, ohne nennenswerte Spuren in unserem Geist zu hinterlassen. Übrigens: ca. 99% der Informationen sind davon betroffen, d.h. werden vom Hippocampus „verworfen“.

Und jetzt brauche ich nicht lange darauf rumreiten, was die ständigen und stetigen digitalen Ablenkungen (SMS, Mail, Benachrichtigungen etc.) im heutigen Durchschnitts-Tagesablauf so alles in unserem Gehirn bewirken. Bewusste Aufmerksamkeit ist ein körperlich nachweisbarer Zustand. Der Strom konkurrierender Botschaften und die Reize aus dem Netz, denen wir im digitalen Leben ausgesetzt sind, überfluten unser Arbeitsgedächtnis und legen es „lahm“.

Dies ist insofern unglücklich, weil dadurch der Prozess der Erinnerungskonsolidierung nicht einmal beginnen kann. Aufgrund der Plastizität des Gehirns gewöhnen wir uns zu allem Überfluß auch noch an die Ablenkungen und Zerstreuungen. Das bedeutet, wir werden immer besser darin, Informationen schnell und effizient zu verarbeiten, aber ohne dauerhafte Aufmerksamkeit. Das Konzentrieren fällt uns sichtlich schwerer, auch dann, wenn wir gerade nicht am Computer oder einem anderen digitalen (vernetzten) Gerät sitzen. Diese Veränderungen in unserem Gehirn vollziehen sich automatisch, außerhalb unseres Bewusstseins. Dies entbindet uns jedoch nicht von unserer Verantwortung für die Entscheidungen, die wir treffen. Schließlich sind wir in der Lage, unsere Aufmerksamkeit zu steuern, und dies ist die Kernaussage dieses Beitrages. Der Schriftsteller David Foster Wallace kam im Jahre 2005 in seiner berühmten Rede „Das hier ist Wasser“ zu folgender Erkenntnis:

„Relevant ist nicht die Fähigkeit zu denken, sondern die Entscheidung für das, worüber es sich nachzudenken lohnt“. [Link]

Die menschliche Aufmerksamkeit ist der Flaschenhals bei der Informationsaufnahme. Alle Informationen benötigen Aufmerksamkeit, wenn sie nicht als „Routinen“ verarbeitet werden sollen. Dieser Prozess ist anstrengend, und das ist notwendig. Man kommt um diesen Prozess nicht herum, wenn man eine Erfahrung konsolidieren möchte. Die Wissenschaftler streiten sich noch darum, wie viele Prozesse parallel mit Aufmerksamkeit verarbeitet werden können, es wird derzeit ein Wert von zwei bis vier parallelen Prozessen angenommen, wobei die Tendenz eher zur weniger Prozessen geht. Ablenkungen jedweder Art führen zu einer erheblichen Minimierung der Aufmerksamkeit. Langzeit-Erfahrungen können durch Ablenkungen während des Prozesses der Konsolidierung weniger gut gebildet werden. Informationen werden so nicht zu persönlichem Wissen.

Der kreative Wissensarbeiter ist vom Erfolg dieser Konsolidierungen allerdings erheblich betroffen, da sein Berufsbild einen äußerst reichhaltigen Erfahrungsschatz implementiert. Wissensarbeit ist an Problemen orientiert, d.h. es werden individuelle Lösungen gesucht und erarbeitet. Komplexe Problemstellungen, die immer kognitive Verarbeitungsprozesse bedingen, nämlich Informationen zu verarbeiten, Wissen zu aktivieren, Wissen zu kommunizieren und Denkresultate hervorzubringen, begleiten die Wissensarbeit. Folglich müssen die Schritte auch immer wieder anders geplant werden und können kaum standardisiert werden. Das Gehirn ist das Werkzeug eines Wissensarbeiters. „Wissensarbeit besteht aus kognitiven Handlungen wie analysieren, recherchieren, organisieren, strukturieren koordinieren, beraten, kommunizieren etc.“ [Ursula Hasler Roumois]

Es liegt also an uns Wissensarbeitern, sich hinsichtlich der digitalen Arbeitsweisen so weit zu kontrollieren, um weiterhin einen wertvollen Beitrag leisten zu können.

Und nun kommt als Rettung die App „Offtime“ ins Spiel, die ich hier erwähnen möchte. Der Gründer der App meint:

„Ich finde die Analogie zum Essen schön: In der Nachkriegszeit gab es mehr und mehr Essen und gleichzeitig einen Essensüberfluss. Es gibt Menschen, die damit umgehen können, aber es gibt auch eine große Gruppe, die versagt, die übergewichtig wird. Und genauso ist es mit dem Informationskonsum: Es gibt eine Gruppe, die super damit umgehen kann, abschalten kann. Und es gibt Menschen, die Schwachpunkte haben, Abends schnell E-Mails checken, prokrastinieren, zu viele Benachrichtigungen erhalten, nicht wissen, wie Einstellungen zu handhaben sind.“ [Link]

Offtime ist eine Smartphone App, die dem User neue, ungeahnte Möglichkeiten der Kontrolle beziehungsweise der Wiedererlangung derselben bietet. 😉
Während Apps auf unseren Mobilgeräten normalerweise im ständigen Kampf um Aufmerksamkeit stehen, kann dieser Ablenkungs- & Benachrichtigungs-Krieg mit Offtime durchbrochen werden. Man kann Zeit- und Nutzer-Profile einstellen, in denen man nicht gestört werden will, oder in denen nur bestimmte Personen mit Nachrichten durchkommen. Auch eingehende Anrufe können mit Schranken versehen werden. Zu guter Letzt bekommt man ein sehr detailliertes Smartphone-Nutzungs-Profil. Es ist eigentlich wirklich erschreckend, wie viel Zeit man mit seinem digitalen Begleiter oder „Ablenker-Nr.1“ verbringt.

Wann haben Sie sich zuletzt eine digitale Auszeit gegönnt?

Nachtrag:

In Scrolling Forward beschreibt David Levy, wie er Mitte der 70er Jahre das XEROX Forschungszentrum in Palo Alto besuchte. Dies war damals ein äußerst fortschrittliches Labor mit den hippsten Computerwissenschaftlern. Ein neuartiges Multitasking-Betriebssystem wurde vorgestellt.

„Um die Flexibilität des Systems zu illustrieren, klickte der Vorführer von einem Fenster, in dem er gerade eine Software geschrieben hatte, in ein anderes, das gerade eine neu eingetroffene E-Mail anzeigte. Rasch las und beantwortete er die Nachricht, dann klickte er sich zurück in das Programmierfenster und fuhr mit seiner Arbeit fort. Einige Zuschauer applaudierten dem neuen System. Sie erkannten, dass es die Menschen befähigen würde, ihre Computer weitaus effizienter zu nutzen. Andere hingegen lehnten es ab. „Warum um alles in der Welt sollte man sich denn während des Programmierens von einer E-Mail unterbrechen und ablenken lassen?“ fragte einer der Wissenschaftler verärgert.

in: Levy, David (2001): Scrolling forward: Make Sense of Documents in the digital age. S.101-102


Literatur:

  1. Kandel, Eric (2006): Auf der Suche nach dem Gedächtnis.
    S. 235 ff; S. 286 ff; S.227

  2. Hasler Roumois, Ursula (2010): Studienbuch Wissensmanagement. orell Füssli/UTB, Zürich, S.179

 

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Michael Ginolas • 4. Januar 2015


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