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Informationen vs. Wissen, eine Unaufmerksamkeit

Die Bürger von Schilda mauerten ihr Rathaus zu. Als ihnen das Licht fehlte, versuchten Sie mit Eimern das Sonnenlicht in das fensterlose Gebäude zu tragen. Schliesslich hat das Sonnenlicht in die Eimer gescheint.

Genauso wenig wie man Sonnenlicht in Eimern fangen kann, obwohl es doch ganz offensichtlich da hineinscheint, kann man das Denken und Wissen eines Menschen (z.B. in einer Datenbank) einfangen.

Die Hauptaufgabe von Wissensmanagement liegt darin, anderen Mitarbeitern eines Unternehmens Wissen bzw. Informationen zur Verfügung zu stellen, welche für die Bewältigung bestimmter Problemstellungen erforderlich sind.
Dazu muss einerseits Zugang zu den individuellen Erfahrungen einer Pon hergestellt werden und gleichzeitig soll neues Wissen entwickelt werden. Dieses entsteht zum Beispiel durch einen Spiralvorgang (z.B. die Wissensspirale) aus Mobilisierung und Transformation des bestehenden Wissens.

Was mir an an fast allen Theorien zum Wissen missfällt ist die unsaubere Definition des Begriffes „Wissen“. Genau genommen geht es mir um den oft unscharf definierten Unterschied von Information und Wissen. In der wissenschaftlichen Literatur werden Daten, Informationen und Wissen voneinander getrennt. Im herkömmlichen Sprachgebrauch wird aber Wissen ausgesprochen und Information gemeint. Und hier liegt das Problem.

Daher werde ich kurz das semiotische Dreieck in Erinnerung rufen und danach darauf eingehen, worin der Unterschied zwischen einer Information und dem Wissen liegt.

Dazu nehme ich die Wikipedia zu Hilfe:Semiotischesdreieck

Das semiotische Dreieck ist ein in der Sprachwissenschaft und Semiotik verwendetes Modell, durch das veranschaulicht werden soll, dass ein Zeichenträger (Symbol) sich nicht direkt und unmittelbar auf einen außersprachlichen Gegenstand bezieht, sondern dieser Bezug nur mittelbar durch die Vermittlung einer Vorstellung/eines Begriffs erfolgt

  • Die Welt besteht aus Gegenständen, Sachverhalten, Ereignissen usw. Diese sind wirklich (also real) und bestimmen alles, was geschieht. Das Symbol für ein Einzelnes davon steht in den folgenden Dreiecken rechts und bedeutet vereinfacht: Ding oder „was Sache ist“.
  • Wenn der Mensch ein Ding bemerkt oder sich vorstellt, macht er sich ein gedachtes Bild davon. Das Symbol dafür steht in den folgenden Dreiecken oben und bedeutet: Begriff oder „was man meint“.
  • Wenn Menschen mit diesen Begriffen von Dingen reden, so verwenden sie Zeichen (meist hörbar, gelegentlich auch sichtbar oder anders wahrnehmbar). Das sind Wörter (auch Bezeichnungen, Benennungen, Symbole oder Ähnliches). Das Symbol dafür steht in den folgenden Dreiecken links und bedeutet: Wort oder „was man dazu sagt“.
  • Ding, Begriff und Wort sollen eindeutig zusammengehören. Das gelingt nicht immer, vielmehr muss man immerzu aufpassen, ob der eben verwendete Begriff das betrachtete Ding richtig erfasst, ob das eben verwendete Wort den gemeinten Begriff trifft, und sogar ob das eben betrachtete Ding überhaupt eins ist und nicht etwa einige oder gar keins.

Passen die drei Ecken nicht zueinander,

„So entstehen leicht die fundamentalsten Verwechslungen (deren die ganze Philosophie voll ist).“

Wittgenstein: Tractatus 3.324

In unserem Fall wird der Begriff „Wissen“ auf unterschiedliche „Dinge“ angewandt. Das Symbol ist also dasselbe, die dahinterliegende Vorstellung aber unterschiedlich.

Wenn ich also von Daten, Informationen und Wissen spreche, bedeutet es nicht: wer viele Daten und Informationen hat, der hat auch viel Wissen. Es sind drei vollkommen klar getrennte Begrifflichkeiten:

Wissenspyramide

 

 

 

 

 

 

 

Oftmals geht man irrigerweise davon aus, dass es ein Ziel des Wissensmanagements sein sollte, den Mitarbeitern möglichst viele Informationen (zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und „möglichst schnell“) zur Verfügung zu stellen. Um Mißverständnisse aus dem semiotischen Dreieck aus dem Weg zu gehen, sollte man aber Wissen mit Erfahrung oder Kompetenz gleich setzen.

Wissensmanagement wäre demnach Erfahrungsmanagement. Erfahrungen sind dabei an Personen gekoppelt.

kleines Bonmot: Schon König Karl III. von Spanien sprach im Jahre 1787 im Zuge der ersten Volkszählung vom „Erfahrungsdruck“, um seine Informationen bzw. Daten zu sammeln.

Aber: für alle bleibenden Erfahrungen (bzw. Wissen) gilt: sie müssen aktiv gemacht gemacht werden, das kann einem niemand (z.B. eine Software) abnehmen. Oder noch deutlicher:
Das „Zupflastern“ mit Informationen erzeugt kein Wissen.

Vor allem, wenn man bedenkt, dass man sich für den aktiven Prozess der Genese von Informationen zu Wissen nur auf wenige Prozesse konzentrieren kann, wie es psychologische Studien zeigen.

Dazu zitiere ich die Studie des Erziehungspsychologen John Sweller (2008), welcher erforscht hat, wie unser Gehirn bei der Informationsverarbeitung funktioniert. Er unterschied, wie allgemein anerkannt zwischen dem Kurz- und dem Langzeitgedächtnis. Im Kurzzeitgedächtnis speichern wir unsere unmittelbaren Eindrücke für wenige Sekunden. Alles, was wir über die Welt wissen, wird im Langzeitgedächtnis gespeichert. Aber wie gelangt es „da rein“?

Hier wird das so genannte Arbeitsgedächtnis ins Spiel gebracht, eine Form des Kurzzeitgedächtnisses:

„Das Arbeitsgedächtnis bildet den Inhalt unseres Bewußtseins in einem bestimmten Augenblick. Wir sind uns nur dessen bewußt, was sich in unserem Arbeitsgedächtnis befindet. Alles andere bleibt uns unbewußt.“

Wenn das Langzeitgedächtnis das Ablagesystem ist, so ist das Arbeitsgedächtnis der Notizblock.

Und entscheidend dabei ist: Auch aus dem Langzeitgedächtnis werden die Informationen wieder ins „aktive Arbeitsgedächtnis“ mit „dem Bewußtsein“ zurückgeholt. Das Arbeitsgedächtnis kann aus beiden Richtungen „befüllt“ werden:

Kurzzeitgedächtnis -> Arbeitsgedächtnis -> Langzeitgedächtnis -> Arbeitsgedächtnis

Unsere Intelligenz bemißt sich laut Sweller nach der Fähigkeit, Informationen vom Langzeitgedächtnis ins Arbeitsgedächtnis zu leiten und sie in konzeptuelle Schemata einzuordnen. Der Übergang vom Langezitgedächtnis ins Arbeitsgedächtnis bildet dabei das Nadelöhr in unserem Gehirn, denn das Arbeitsgedächtnis kann nur eine geringe Informationsmenge behalten (die uns also bewußt ist). Wir können unser Bewußstsein nur wie eine Taschenlampe auf einzelne Dinge richten. 1956 (George Miller) ging man davon aus, dass das Arbeitsgedächtnis bis zu 7 Informationseinheiten speichern kann, mittlerweile wird das als zu hoch angesehen.

Sweller zufolge deuten neueste Forschungen darauf hin, dass wir zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht mehr als zwei bis 4 Einheiten verarbeiten können, wobei sich die tatsächliche Anzahl eher am unteren denn am oberen Rand dieser Skala bewegt.“

(Nicholas Carr: Wer bin ich, wenn ich online bin. S.213)

Außerdem verschwinden die Information im Arbeitsgedächtnis rasch, wenn es uns nicht gelingt, diese durch ständige Einübung aufzufrischen.

Dazu habe ich ein recht interessantes BBC-Video gesehen, welches die Problematik verdeutlicht:

Wir müssen Konzentration aufwenden, um Informationen in Wissen zu synthetisieren.

In seinem 2005 erschienen Buch „Neue Intelligenz“ verglich Steven Johnson die breite, äußerst rege Aktivität die im Gehirn von Computernutzern festgestellt wird, mit der gedämpften Aktivität von Bücherlesen. Er zog den Schluss, dass Computernutzung mit einer intensiveren Hirnnutzung verbunden ist, als das Buchlesen, weil „Bücherlesen die Sinne chronisch unterstimuliert“.

Seine Diagnose (also rege Gehirn-Aktivität) ist korrekt, seine Schlussfolgerung (Lesen mit Buch unterfordert uns) halte ich für falsch.

Es ist gerade die Unterstimulation der Sinne, welche die konzentrierte Lektüre eines Buches zu einer intellektuell so befriedigenden Aktivität macht. Wir blenden sämtliche Ablenkungen aus und greifen nicht auf die Problemlösungsfunktionen der vorderen Hirnlappen zurück. Dadurch wird vertieftes Lesen zu einer Form des konzentrierten Denkens. Der Geist des erfahrenen Buchlesers ist ein ruhiger Geist, kein vor Aktivität brummender.

Leser (von Büchern) weisen große Aktivität in Bereichen auf, die für Sprache, Erinnerung und visuelle Verarbeitung zuständig sind. Die für Entscheidungsfindung und Problemlösung wichtigen präfontalen Regionen hingegen bleiben mehr oder weniger untätig. Bei erfahrenen Internetnutzern indes weisen diese Hirnregionen eine rege Aktivität auf, wenn Internetseiten überflogen oder durchsucht werden, was Gary Small 2008 nachweisen konnte.

Damit wird klar, dass man mit Multitasking kein Wissen erzeugen kann. Man kann mit Multiasking-artigen Methoden höchstens schon erlernte Dinge parallel (und immer schneller) abarbeiten, aber keine neuen Dinge synthetisieren. Die University of Rochester kam zu folgendem Ergebnis:

Intelligenz heißt vermutlich, Informationen gut und schnell verarbeiten zu können. Dabei ist nicht nur wichtig, die wichtigen Informationen aus der Datenflut herausholen zu können, sondern auch die Kehrseite davon: unwichtige Informationen auszublenden oder zu zensieren.

aus: http://www.heise.de/tp/artikel/39/39193/1.html

Und hier liegt die Problematik der Entwicklungen der letzten 15 Jahre:

Im Zeitalter der Digitalität verfolgen fast alle Tools und Web-Entwicklungen meist das Ziel, schneller und bequemer an Informationen zu gelangen. Diese Wege führen aber nicht zu einem mehr an individuellem Wissen. Die Synthese von Informationen ist ein „anstrengender“ Prozess, der einem nicht abgenommen werden kann.

Zusammengefaßt läßt sich sagen:
Weniger ist mehr.

Als eine Gruppe von Schildbürgern einmal Nürnberg besuchte, fragten sie sich, worum es sich wohl bei dem Nürnberger Trichter handele. Ein Nürnberger behauptete nun, dass man durch den Trichter hindurch Klugheit aufnehmen könne, wodurch lästiges und zeitraubendes Lernen überflüssig werde.

Die Schildbürger waren begeistert und probierten natürlich gleich aus, was dieser ihnen geraten hatte. Die übrigen Nürnberger amüsierten sich prächtig über die Schildbürger und begannen Wasserschläuche auf diese zu richten. Dies bewegte die Schildbürger jedoch dazu, noch eifriger zu „trichtern“, da sie das Wasser für Klugheit hielten. Zurück in Schilda erzählten sie den daheim gebliebenen Schildbürgern von ihrem Besuch in Nürnberg. Diese waren sehr beeindruckt, bis ein kleiner Junge Niespulver unter ihnen verstreute, was folglich zu heftigen Niesanfällen führte. Die Schildbürger waren enttäuscht – so schnell waren sie ihr neu erlangtes Wissen wieder losgeworden.

geholfen haben die Infos von:

knowledgemultitaskingtheorie

Michael Ginolas • 9. Mai 2012


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