digitalwandler

den digitalen Wandel begleiten, befruchten und gestalten

Rosinensalat

Immer nur die Rosinen rauspicken mit Flipboard

Den Umstand, dass das Volk seine Lesestoffe nach eigenem Gusto auf dem Literaturmarkt wählen konnte, betrachtete die Mehrheit der Gebildeten und Besitzenden (im 19. Jh.) – im Kontext von sozialen Fragen, aufsteigender Arbeiterbewegung und politischen Demokratisierungsansprüchen – als bedrohliches Faktum.

aus: W.Telesko: Das 19 Jahrhundert. Eine Epoche und ihre Medien
Bildquelle:  Paweł Kuźniar

Mit dem iPad hat sich mir eine App seit 2010 in den Vordergrund geschoben, welche sehr schön verdeutlicht, wie durch die Digitalität eine starke Form der Modularität in verschiedene Bereiche unseres digitalen Lebens einziehen wird. Diesen „modularer Medienkonsum“ möchte ich beschreiben anhand der Applikation Flipboard.
Flipboard ist ein Feedreader und ermöglicht wie alle anderen rss-Reader das Abonnieren von Zeitungen, Blogs Webseiten am mobilen Gerät. Zusätzlich kann man weitere Quellen wie twitter und seinen Facebook Account oder auch Instagram einbinden. Was sofort angenehm auffällt ist die Darstellung und Usability, sie ist wesentlich „geschmeidiger“ als bei den herkömmlichen listenförmigen rss-Readern und das „flippen“ durch die Texte ist ein augenschmeichelndes Erlebnis. Wie bei anderen rss-Readern auch werden hier Inhalte aus verschiedenen Quellen in neuer Form aufbereitet und in einen eigenen „Salat-Topf“ geworfen, welchen man nach eigenen Vorstellungen „kategorisieren“ kann. Somit also erstmal nichts Neues.

Ein kurzes Beispiel: Wenn ich von „Spiegel Online“ nur den Wissenschaftsteil lese und von „DER ZEIT“ auch nur den Wissenschaftsteil, dann kann ich beides in meinem Reader zusammenfassen und muss nicht mehr die Originalseiten ansurfen.

Randnotiz 1: Damit gehen den Anbietern der Originalseiten unweigerlich auch Werbeeinnahmen bzw. Traffic verloren
Randnotiz 2: Das gewohnte Online-Lesen ändert sich. Man abonniert weniger Inhalte, weil man sich den Wissenschaftsteil von 10 Zeitungen nicht mehr durchlesen möchte. Der Grund: man merkt deutlicher, dass alle Zeitungen zur selben Zeit über dasselbe Thema berichten. Ich bin von über 200 rss-feeds kontinuierlich auf ca. 80 runter gegangen. Stichwort „Kannibalisierung“ der Anbieter und „Qualitätsjournalismus“ setzt sich durch.

Es läßt sich also sagen, dass durch rss-Feeds die Inhalte/Artikel aus dem gewohnten Umfeld (Online-Zeitung) heraus gerissen werden. Bei Flipboard wird der Informationsstrom zusätzlich mit Meldungen aus den sozialen Plattformen garniert. Infotainment in Reinform.

Doch nun wird es erst spannend, denn mit dem Update auf Flipboard 2.0 wurde ein neues Feature eingeführt: Eigenes Magazin. Damit wird Flipboard mit den früher sehr stark genutzten Online-Lesezeichensammlern verheiratet. Sozusagen: Mr.Flipboard, delicious.
Jetzt kann man jeden Artikel, welchen man im Flipboard konsumiert, mit einem Klick zu einem selbst erstellten Magazin hinzufügen und dieses Magazin kann man veröffentlichen. Dieses ist ausserdem für andere abonnierbar und fühlt sich damit somit auch ein bißchen wie tumblr oder Pinterest an.

Was wird also passieren? Ich bleibe bei meinem Beispiel: Anstatt unendlich viele Wissenschaftsmagazine zu abonnieren, kann ich ab jetzt mir einen User heraussuchen, der meinen Geschmack hinsichtlich wissenschaftlicher Artikel trifft, und mir eine Artikel-Auswahl trifft. Früher nannte man so etwas zum Beispiel: „Pressespiegel“.

Na, seht ihr schon neue Geschäftsmodelle vor Eurem geistigen Auge auf Euch zuflattern?

Aber: Der Unterschied vom Text-Originalanbieter und einen „Newsaggregator“ verschwindet immer mehr, denn ich stehe mit meinem Wissenschafts-Magazin plötzlich in Konkurrenz zu SPON, oder besser gesagt: die plötzlich mit mir. Und hiermit wird eine inhärente Eigenschaft der digitalen Medien perfekt ausgenutzt: die Re-Kombinationsmöglichkeit von modularen Inhalten und damit einhergehend die weite Welt der Individualisierbarkeit.

Denn darin liegt das wahre Potenzial von Tools wie Flipboard:

„In der Rekombination aller vorhandenen Informationen und in der Kommunikation zu bestimmten Zwecken, die in Echtzeit von jedem Nutzer/Produzenten beschlossen werden.
Die Rekombination ist die Quelle von Innovationen, vor allem, wenn die Produkte der Rekombination selbst weitere Interaktionen in einer Spirale zunehmend bedeutungsvoller Informationen fördern.“

Diese verdammt erhellenden Sätze stammen von Manuel Castells und wurden von dem soziologischen Netzwerkforscher Pekka Himannen in seinem 2001 erschienenen Buch: „Die Hacker-Ethik und der Geist des Informations-Zeitalters“ aufgeschrieben.
Während die Schaffung neuen Wissens stets die Anwendung von Theorien auf rekombinierte Informationen erfordert, erweitert die Möglichkeit, mit den Rekombinationen aus einer Vielzahl von Quellen zu experimentieren, den Bereich des Wissens erheblich. Ebenso verhält es sich mit den Verbindungen, die zwischen unterschiedlichen Bereichen geschaffen werden können – das ist genau die Quelle der Wissensinnovation, die Thomas Kuhn mit seiner Theorie der wissenschaftlichen Revolutionen im Auge hat.

Womit ich zur letzten Herausforderung komme, dem unweigerliche folgenden Medienwandel durch die aufkommende digitale Distribution.

Es stellt sich heutzutage die Frage, warum man eine ganze Zeitung kaufen/abonnieren (analog oder digital) sollte, wenn den Leser davon nur bestimmte (in meinem Fall: wissenschaftliche) Artikel interessieren. Oder anders gewendet: Ich möchte nicht wissen, wie viele Artikel von mir NICHT gelesen werden, aber von mir mitbezahlt sind (wenn ich eine Zeitschrift abonniere). Ein Abomodell für einzelne komplette Zeitungen in der digitalen Welt kommt für mich nicht in Frage, weil man sich ungern bei verschiedenen Bezahl-Anbietern anmelden möchte.
Der (digitale) Wandel führt zwangsläufig  zu individualisierten Nachrichtenströmen:

Seit Jahren ist erkennbar, was Mark Zuckerberg dieser Tage offen gesagt hat, er will sehr vieles, darunter auch “the best personalized newspaper”, bauen. …
Früher agierten Zeitungen in einer Art Informationswüste, heute agieren sie in einer Informationsflut, ihre vornehmste Aufgabe jedoch ist geblieben: Orientierung geben.

(aus: http://www.vocer.org/de/)

Ich will im digitalen Zeitalter keine Zeitung kaufen, ich will einzelne Artikel kaufen. Schliesslich ist das Medium Zeitung auch nur der Container für meine zu lesenden Informationen (oder: Rosinen).

Aber alles klingt umständlich: verschiedene Bezahldienste, unterschiedliche Usability, sowas kostet Zeit und Nerven. Wie also ein tragfähiges Geschäftsmodell auf die Beine stellen und dabei immer an den Leser denken?

Dazu der „Orientierung gebende“ Kommentar von Dumaine aus dem Gutjahr-Blog:

Wofür ich bereit bin zu zahlen: Ich bin bereit für die Art von Artikeln zu bezahlen, wie man sie meist in Wochenzeitungen findet. Also Hintergrundberichte, Einordnungen des Geschehens, Interpretationen, Erklärungen, alles was ein paar Stunden Arbeit erfordert und über die eigentliche Information hinaus geht. Solche Artikel findet man im Internet auch noch zu wenige. Die meisten Artikel sind leider nur aufgeblasene Agenturmeldungen oder viel zu oberflächlich – und dafür kann man kaum Geld verlangen, erst recht nicht, wenn der Kollege die Info schon bei Twitter verbreitet hat.

Recht hat er.

Des weiteren halte ich in dem Sinne der Rekombination die bisherigen Modelle einer einzelnen (zentristisch gedachten) Zeitungs-App für komplett überholt. Die Grundidee, eine analoge (komplette) Zeitung mit ihren verschiednen Ressorts ins Digitale iPad zu kopieren, wird eine Sackgasse werden. Soll ich mir etwa 10 Zeitungs-Apps besorgen und nacheinander durchwühlen? Von 50 Redakteuren muss ich doch nicht ALLE Artikel mögen. Hallo? Das entspricht doch gar nicht den Vorteilen, die uns die Kuratoren im Digitalen Universum zur Verfügung stellen. Der Leser möchte heutzutage über seine Inhalte-Kategorisierung, Ordnung und sein Design entscheiden können und wollen. Ich bringe dazu ganz gerne die Beispiele aus der digitalen Musikwelt:

Beim Musikhören, wo die digitale Veränderung schon etwas früher eingesetzt hat, kam es auch zum Aufkommen der Frage, warum man sich ein komplettes Album kaufen sollte, wenn man nur 2-3 Songs haben wollte. Der 0,99ct-Tarif bei iTunes für einzelne Tracks sowie die Kombinationsmöglichkeiten durch individuelle Listen haben das Musikhören komplett verändert. In der Musikbranche kann jeder mittlerweile sein eigenes Radio erstellen.

Genau diese Entwicklung erwartet uns auch bei Zeitungen und den dazugehörigen Informationsschnipseln.

Womit wir eigentlich auch in der Musikbranche bleiben können und den funktionierenden Ansatz sehen, wie man Gewinne mit digitaler Distribution erzielen und verteilen kann:
Stichwort: iTunes / Spotify. Dort gibt es unter einem Deckmantel (z.B. iTunes) eine klare Regelung, was beim Hören eines Musikstückes passiert. Der Künstler, das Label und iTunes bekommen was vom Kuchen ab.

Ich muss aber nicht als User:

  1. ein komplettes Album kaufen
  2. für jedes Label einen eigenen Zahlungsweg beschreiten

So stelle ich mir es auch für die Zeitungsindustrie vor:
Wenn ich einen Artikel gut finde, dann bezahle ich diesen (Stichwort flattr).
Ein verlagsübergreifender Micropayment-Dienst wie flattr kümmert sich um alles weitere, sodass auch der Verlag/das Medienhaus sowie der Autor an meinem kleinen Betrag beteiligt werden. Wenn die Sammlung aller Artikel in einer Cloudlösung gespeichert werden, umso besser.

Aber woher sollen die zu verteilenden Gelder kommen? Diese Frage wird im Blog von www.vocer.de auf sehr intelligente Weise behandelt. Unbedingt lesen:

 

Lange Rede, kurzer Sinn:

Zeitungen sind wie früheres Staatsfernsehen. Flipboard ermöglicht individuelles Spartenfernsehen.
Aus der Schüssel der angebotenen Informationen kann man sich nun die Rosinen heraus picken. Tools wie Flipboard fördern den Trend zum Prosumenten.
Während hergebrachte Massenmedien sich der Lesemasse anpassen und die Qualität oftmals leidet und man starke Meinungen meidet, kann sich durch die digitalen Spartenbildung jede Meinung derselben Distribution bedienen wie ein Massenmedium.

 

Im Jahre 2008 veröffentlichte eine Forschungseinrichtung namens nGenera eine Studie darüber, welche Auswirkungen das Internet auf die Jugend hat. Die Firma interviewte 6.000 Mitglieder der von ihr so bezeichneten Generation „net“:

Durch den Einfluss der digitalen Technik hat sich bei Ihnen sogar die Informationsaufnahme selbst verändert. Sie lesen eine Seite nicht unbedingt von links nach rechts und von oben nach unten. Stattdessen überfliegen sie das Ganze nur noch und suchen dabei gezielt nach Informationen, die sie wirklich interessieren:

slate

aus: http://www.heise.de/tp/artikel/39/39306/1.html

 

weitere Infos:

 

 

appbuchmedienwandelmobilemodularrsssocialmediatool

Michael Ginolas • 4. April 2013


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